Die
Idee des MUSICON BREMEN
Die Schaffung
eines neuen urbanen Raumes um ein bedeutendes Konzerthaus für Bremen
dient als Auftakt zum 21. Jahrhundert. Inmitten von dynamisch und mannigfaltig
genutzten Stadträumen entsteht mit dem MUSICON
BREMEN eine neue Vorstellung von musikalischem
und urbanem Raum, der weder ökologische noch kulturelle Aspekte
vernachlässigen darf. Aus einem Raum der Partizipation erschließen
sich vielfältige Nutzungen, unter Wahrung größter Flexibilität,
und integrieren die spezielle Musikkultur mit dem städtischen Leben
und der Natur. Als neuer Schwerpunkt der Freizeit, Anregung und Urbanität,
wird das MUSICON BREMEN
die Stadt Bremen entscheidend bereichern.
Urbane
Strategie
Kraft seiner
Geometrie schafft das MUSICON eine organische Verbindung zwischen seiner
städtischen Lage - die sowohl Bauwerke wie offenes Gelände
umfaßt - und seinen spezifischen Funktionen. Die Entwurfsstrategie
beabsichtigt, den Baukörper innen wie außen für wesentliche
Neuerungen vorzubereiten, derart, daß z.B. das Erdgeschoß
des Gebäudes flächenmäßig reduziert, aber als Verbindungszone
weitgehend zur Parkanlage geöffnet werden kann, um Sonnenlicht,
Wasser und Landschaft Spielraum zu gewähren. Der öffentliche
Raum bereichert sich durch die Ausstrahlung des MUSICON, und das Gebäude
nimmt Dimensionen seiner städtischen Umgebung aktiv in sich auf.
Einerseits ist es wichtig, das MUSICON in die Stadtlandschaft einzubetten,
andererseits muß die Zerstörung und Abspaltung öffentlicher
Räume, die sich bei Großbauten allenthalben einstellt, unbedingt
vermieden werden. Der Erfolg des neuen Gebäudes kann aber ebensowenig
durch bloße Diskretion seiner Erscheinung errungen werden, er
hängt vielmehr davon ab, ob die kaum noch sichtbaren, vernachlässigten
oder auch ausgetretenen Verbindungspfade und Achsen innerhalb der Stadt
und Region sinnvoll mit dem MUSICON verknüpft werden können.
Städtische
Rolle
Als städtisches
Herzstück muß das MUSICON dem Tag- und Nachtrhythmus der
Stadt gewachsen sein. Ihm fällt die Rolle zu, die verschiedenen,
historisch unterschiedlichen Stadtteile Bremens auf einen Ort zu bündeln.
Deshalb nimmt sein Ort den doppelten Charakter mehrfacher Passagen und
Zielpunkte an. Er verknüpft im wesentlichen vier Bereiche: den
Bürgerpark (im Osten), den Bahnhof (im Süden), die Bürgerweide
(im Westen) und die Stadthalle mit ihrem Parkgelände (im Norden).
In seiner Doppelrolle vermag das MUSICON zugleich als Foyer für
seine Säle und als Zentrum für die öffentlichstädtische
Kultur dienen.
In der Stadttopographie
bekräftigt das MUSICON die Bedeutung der Nordflanke des Bahnhofes,
dessen vages Vorgelände damit Konturen annimmt, die dem historischen
Stadtkern Bremers gerecht zu werden vermögen. Der Schlüssel
zur stadtweiten Wirkung des MUSICON liegt in seiner erneuten Aktivierung
der lange vernachlässigten (weitgehend nur noch virtuellen) Verbindung
zwischen Bahnhof, Stadtwald, Bürgerpark, Stadthalle und Bürgerweide.
Gemäß unserem Konzept entstände, statt weiterer Unterbrechungen,
ein ganzes Netz neuer städtischer Bezüge, die auch den bestehenden
Gebäuden und traditionellen Funktionen einen erhöhten Wort
verleihen. Um hohen Nutzen aus dem menschlichen Maßstab und der
Vielfalt von Funktionen zu ziehen, erfordert die Fußgängerebene
Priorität. Zugänglichkeit bedeutet aber nicht nur verkehrstechnische
Erschließung, sondern auch Integration der Musik in die Öffentlichkeit
und Einbindung des Besonderen in das Allgemeine.
Offene
Räume
Der offen
durchfließende Raum erweitert das Parkgelände einerseits
zum Bahnhof hin und andererseits gegen die Universität, so daß
sich im Bereich zwischen dem Klangbogen und der Parabole der Gustav-Deetjen-Allee
ein Wechselfeld zwischen Ying und Yang eröffnet. Dieser Bereich,
der in der Diagonale zwischen dem MUSICON und der Stadthalle, und im
rechten Winkel zwischen dem Bahnhof und dem Park Hotel abgesteckt wird,
soll durch eine Reihe kleinerer Eingriffe aus seiner Passivität
gehoben werden: Unter anderem durch neue Begrünung, Freilegung
von Bodenflächen, Anlage von Spazier- und Radwegen, Errichtung
eines Pavillons, eines Brunnens und eines Kinderspielplatzes. Wie Triller
und musikalische Verzierungen nehmen diese Parkanlagen den Rhythmus
der Tram- und Eisenbahnen, des Verkehrs und der Fußgänger
in die Partitur des Stadtlebens auf.
Ein starker
Akzent fällt auf die Ecke Gustav-Deetjen- und Theodor-Heuss-Allee:
Das Musicongebäude entbietet den ankommenden Bahnreisenden sein
Willkommen, nicht nur zur Konzerthalle, sondern zur Stadt und dem nahen
Parkgelände überhaupt. Gegen Westen wendet sich das Musicon
aber auch der Bürgerweide und den dort traditionell stattfindenden
Veranstaltungen zu, während es auch mit der Stadthalle und der
Grünzone im Nordwesten eine lebendige Verbindung herstellt.
Insgesamt verstrebt das Musicon die funktional und atmosphärisch
unterschiedlichen Stadtbereiche (Bahnhof und Park; Kommerz und Wohnen;
Neu und Alt) und macht sich zum Ort ihrer lebendigen Durchdringung und
Verdichtung.
Gebäudetypologie
Die Gebäudetypologie
des MUSICON BREMEN wird bestimmt durch
| a.
|
die
zentrale Bedeutung musikalischer Aufführungen und Erfahrungen, |
| b.
|
den
öffentlichen Charakter des Gebäudes, auch für diejenigen,
die nicht notwendigerweise ein Konzert besuchen, |
| c.
|
die
städtische Verbindung mit der Stadthalle und der Bürgerweide, |
| d.
|
die
"magnetische" gegenseitige Anziehungskraft zwischen Musicon
und historischer Stadt und |
| e.
|
die
Verknüpfung von Vergangenheit und Zukunft. |
Das Gebäude
nimmt die Grundform eines "Kastens" an, der in und durch sich
vielfältige Verbindungen (mit der Stadt) und Nutzungen (im musikalischen
und öffentlichen Bereich) vereinigt.
In den konkreten Begriffen des Bauprogramms heißt das
| 1. |
die öffentlichen Zugänge und Läden liegen im Erdgeschoß, |
| 2.
|
der
diagonale "grüne Verbindungstrakt" bildet die weiteste
Erstreckung des Baues in sein Gelände, |
| 3.
|
Anlieferung,
Besucherverkehr und die Handelsgeschäfte werden ihrerseits
als Teile des Musiklebens aufgefaßt und inszeniert, |
| 4.
|
das
"schwebend" erscheinende Auditorium setzt das Erdgeschoß
frei und bildet ein Dach über dem festlichen Foyer. |
Zirkulation
und Verbindungen
Das Erschließungskonzept
beabsichtigt allseitiges Hinlenken aus den öffentlichen Bereichen
auf die spezialisierten Aufführungsräume. Das MUSICON BREMEN
beruht auf einem offenen Grundriß mit mehrseitigen Eingängen
und klar erkennbaren Räumen, die dem ganzen Baukörper einen
einladenden, zugänglichen und transparenten Charakter verleihen.
Die verschiedenen Zwischenebenen heben sich vom Erdgeschoß ab
und bieten weiteren Foyers, Buch- und Musikalienläden, Kinderaufenthaltsräumen,
Ausstellungsflächen, Übungs- und Musikerzimmern und einem
Restaurant der "hängenden Gärten" Platz. Dem Auditorium
und seinen Dependenzen ist das Obergeschoß vorbehalten. Auf Behinderte
wird ebenso Rücksicht genommen, wie den besonderen Erfordernissen
orchestraler Praxis mit gesonderten Zugängen Rechnung getragen
wird.
Aufführungspraktische
Erwägungen
Räumlich
und funktional verwirklicht das MUSICON folgendes Konzept:
| a.
|
unterschiedliche
Aufführungen können simultan durchgeführt werden, |
| b. |
die zentrale Orchesterbühne kann leicht und rasch erreicht
und umgewandelt werden, |
| c.
|
für
jede Art von Aufführung können die erwünschte technische
Qualität und Sitzanordnung erreicht werden. |
Das MUSICON
BREMEN ist so angelegt, daß es auf die vielfältigsten Ansprüche
zu reagieren und unterschiedliche Erwartungen zu erfüllen vermag.
Bei konventioneller Bestuhlung bietet es 2.500, bei einer Verbindung
von Sitz- und Stehplätzen bis zu 3.200 Zuhörern Platz. Einer
low-tech Lösung bei der Änderung der Bestuhlungen steht nichts
im Wege. Das MUSICON ist in jeder architektonischen und aufführungspraktischen
Hinsicht auf zukünftige Veränderungen vorbereitet, ohne deshalb
den traditionellen Kriterien und Erwartungen Abbruch zu tun.
Es gehört
zu den Aufgaben eines solchen Gebäudes, den jeweils unterschiedlichen
Anlässen angemessene Räume und Nebenräume bereitzustellen,
damit eine günstige Entsprechung zwischen der baulichen Umgebung
und der Natur der Veranstaltungen entstehen kann. Die unterschiedlichen
Foyers ermöglichen diese graduelle Abstimmung und sie vermitteln
auch zwischen der relativen Abgeschlossenheit der Musiksäle und
der breiteren Öffentlichkeit der Stadt.
Die separaten
Parkplätze und Zugänge für Musiker und Personal bilden
einerseits eine "Welt für sich", sind aber andererseits
voll in die Welt des Musicons integriert. Depots, Werkräume und
Frachtzufahrt werden funktional klar von den öffentlichen Bereichen
getrennt, tragen aber durch ihre visuelle Erscheinung (in Form von Aufzügen,
Hebemechanismen, Arbeitsgängen) zur Attraktivität und zum
festlichen Charakter des Musicons bei. So setzen die einzelnen Funktionsbereiche
(B-A-C-H) ihren Kontrapunkt zur einheitlichen Versammlung der zwei-
oder dreitausend Konzertbesucher.
Daniel Libeskind
1996